Narren unter sich

 

 

Sogar Geländewagen sind in Italien weiblich. Matta hiess Alfa Romeos erster Versuch in diesem Segment; übersetzt: die Närrin. Dabei sollte der Winzling den Willy's Jeep in Italiens Militär beerben - mit dem Sportmotor des Alfa 1900. Rund 2000 Stück wurden ab 1952 ausgeliefert; ausserdem 154 für ein paar unentwegte Alfisti, die so etwas unbedingt auch fahren wollten. Ganz im Gegensatz zum Generalstab, der nach zwei Jahren dann doch lieber ein solideres Fiat-Produkt bezog.


Erster Offroader in der Modell-  palette ist sie also nicht, Alfas neueste Bella Macchina mit dem doch eher männlich wirkenden Namen Stelvio. Wahrscheinlich war man Matta-verstört bei der italienischen Traditionsmarke und wartete deshalb so lange zu, bis man sich ins Boom-Segment der SUV wagte. Vielleicht hatte man aber auch Angst vor der Reaktion all der eingefleischten Markenfans, die hätten närrisch vor Ablehnung und Unverständnis werden können, wenn man ihnen solch ein Modell schon vor 20 Jahren präsentiert hätte. Aber inzwischen schielt Alfa ja auch auf den US-Markt, und dort wäre man geradezu ein Narr, wenn man ohne einen Allradler damit anfangen würde, Autos zu verkaufen.


Man sitzt buchstäblich nicht auf dem Fahrersitz, sondern in ihm


Ausserdem liess sich der Stelvio gleich kostengünstig im Paket mit dem Mittelklassemodell Giulia entwickeln. Plattform, Motoren, Allradantrieb - beide teilen sich schiedlich und friedlich die technische Basis. Und die Optik gleich mit. Beide tragen eine Alu-Aussenhaut, die sich zwar wölben, aber nicht so messerscharf falzen lässt wie bei manchem Konkurrenten. Tönt nach einem Handicap, führt aber zu einem bildhübschen, wohl-verrundeten Erscheinungsbild

 

Im Innenraum wird üppig beledert und geschäumt; die Oberflächen wirken hochwertig, das Platzangebot nicht üppig, aber angenehm. Im Gegensatz zur Giulia wird für die umklappbaren Rücksitzlehnen kein Aufpreis fällig - bis zu 1600 Liter Ladevolumen sind also serienmässig. Smartphone-Integration ist an Bord, mit Tasten und Drehreglern wird gegeizt und möglichst viel über die nicht ganz intuitiv strukturierten Menüs im Touchscreen bedient. Modischen Schnickschnack wie digitale Cockpits und manche Fahrassistenzsysteme spart sich Alfa allerdings, was die Kosten senkt, aber auch zum Markenimage passt: Im Alfa wird man nicht gefahren, einen Alfa fährt man.

 

Womit wir bei den Kernkompetenzen des Stelvio angelangt wären. Natürlich sitzt man objektiv gemessen recht hoch, aber tatsächlich im statt nur auf dem Fahrersitz. Die subjektive Bindung an das Auto ist enger als in den meisten anderen SUV; man spürt präzise jedes Zucken des Fünfplätzers. Diese Unmittelbarkeit rührt auch vom geringen Gewicht her: Alu- Verblechung, Alu im Fahrwerk, eine Carbon-Kardanwelle im Antriebsstrang - Alfas Ingenieure sparten Gramm um Gramm selbst in Details. Audis vergleichbarer Q5 wurde in der neuen Generation um 90 Kilogramm erleichtert - der Stelvio unterbietet ihn um nochmals rund 110 Kilogramm.


Vor allem mit dem 210 PS starken Turbodiesel kann man auf der Testrunde von Innsbruck Richtung noch verschneites Timmelsjoch einen Narren am Stelvio fressen. Des sonoren Tons und kraftvollen Antritts wegen und weil sein recht üppiger Drehmomentverlauf passgenau mit den Schaltpunkten der Achtstufen-Automatik harmoniert. Der alternative Turbobenziner mit 280 PS liefert auch seine Leistung, wirkt aber etwas nervös und übermotiviert.

 

Beim Verbrauch hat die Dieselversion die Nase vorn

Im Sportmodus würde man seiner Automatik gerne «Schalt doch mal einen hoch» zurufen, aber dann erinnert man sich wieder an die riesigen Schaltwippen links und rechts des Lenkrads und erledigt das gleich selbst. Überhaupt nutzt man von den drei Fahrprogrammen zwischen Sport, Normal und Zaghaft-weil-das-Wetter-schlechtist gerne das dynamischste, weil die Lenkung dann das etwas Ungefähre des Normalmodus verliert und straffer arbeitet. Aber das ist schon eine Geschmacksfrage. Beim Verbrauch hat der Diesel auf dem Papier und sicher auch im Alltag die Nase vorn - die Werksangabe des Benziners von im Schnitt 7,0 Liter dürfte schwerlich erreichbar sein.

 

Die Preise beginnen bei 54 150 Franken für den Diesel und 57 950 Franken für den Benziner. Letzterer ist bereits für rund 7000 Franken mehr als Frühbucher-Edition mit deutlichem Kostenvorteil bei der üppigen Ausstattung lieferbar; der entsprechende Turbodiesel wird in Kürze folgen. Alfa kann noch nicht sagen, wann der 180-PS-Turbodiesel und ein 200-PS-Benziner hierzulande zu haben sein werden. Ganz zu schweigen vom 510 PS starken Quadrifoglio. Definitiv ist aber, dass der Stelvio bis auf weiteres auch als Kombiversion der Giulia fungieren muss, weil man einen Kombi halt nur in Europa verkaufen könnte.

 

Darüber könnte man schon närrisch werden.

 

Alfa Romeo Stelvio - Kauftipp und Konkurrenten

 

Alfa Romeo Stelvio 2.2 R4-Turbodiesel, 2,2 Liter, 154 kW/210 PS, Achtstufen- Automatikgetriebe, Allradantrieb, Spitze 215 km/h, 0-100 km/h

6,6 s, Verbrauch 0 4,8 1/100 km (127 g/km CO2, Benzinäquivalent 5,31 /100 km), Energieeffizienz A, Kofferraum 525 bis 1600 1, Leergewicht 1659 kg, Preis ab 54 150 Franken.

Konkurrenten Audi Q5 (190 PS, ab 54 650 Franken), BMW X3 (190 PS, ab 50 500 Franken), Mercedes GLC (204 PS, ab 53100 Franken) u. a.

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