DIE ERLEICHTERTE

Sie war schon ein höchst begehrenswertes Automobil, die Giulia Sprint, jenes 2türige Coupé der 1962 vorgestellten Giulia, das von Bertone – genauer: Giorgetto Giugiaro – entworfen worden war und im März 1963 auf den Markt kam. Sie war (schon) damals ein Traumauto, nicht nur für die jungen Italiener, der 1,6-Liter kam auf 112 PS und machte aus dem kleinen Alfa Romeo einen feinen Sportwagen. Doch im Rennsport konnte man damit keine Blumentöpfe mehr gewinnen, es musste dringend ein bisschen Würze her – und da war man bei Autodelta am genau richtigen Ort.

 

Autodelta, das war Carlo Chiti. Er war einmal Chefkonstrukteur bei Ferrari gewesen, bis 1961, danach suchte er bei verschiedenen Projekten sein Glück. 1963 gründete Chiti zusammen mit einem Alfa-Händler namens Ludovico Chizzola die Firma Auto Delta. Es dauerte nur wenige Monate, und schon war das Unternehmen, das sich bald einmal Autodelta schrieb, zur Rennsport-Abteilung von Alfa Romeo aufgestiegen, als erstes gemeinsames Werk entstand der TZ2.

 

Zuerst gab es für die Giulia Sprint eine Diät der ganz besonderen Art, etwa mit Magnesium-Felgen. Alle sichtbaren Karosserieteile, die aus Stahlblech bestanden, wurden durch Peraluman-Teile ersetzt, die auf den stählernen Unterbau genietet wurden. Innen wurde das Fahrzeug quasi nackt gemacht, es gab null Luxus – die Bezeichnung GTA, Gran Turismo Alleggerita (für «erleichtert»), machte dem neuen Fahrzeug alle Ehre. 200 Kilo hatte Autodelta einfach so eingespart. Als Serien-Modell schafften die ersten Giulia Sprint GTA besagte 112 PS, es können auch 115 gewesen sein. Doch das sorgte für standesgemässes Vorankommen, denn der GTA wog ja offiziell nur noch 745 Kilo (was nicht ganz stimmte, die Strassenversion kam auf immer noch feine 820 Kilo, im Renntrimm waren es dann 760 Kilo). Es ging aber selbstverständlich noch einiges besser, der 1,6-Liter-Vierzylinder mit seinen zwei obenliegenden Nockenwellen, den zwei Doppelvergasern und der Doppelzündung mit zwei Zündkerzen je Zylinder bot schliesslich allerfeinste Möglichkeiten für eine Nachbearbeitung. Im Autodelta-Renntrimm kamen dann gerne etwa 170 Pferde zum Galoppieren. Geschaltet wurde über ein 5-Gang-Getriebe, selbstverständlich gab es vorne und hinten Scheibenbremsen. Und damit gehörten die GTA dann ganz nach vorne auf der Rennstrecke. Zumal sie auch erstaunlich zuverlässig waren. Was man auch daran sieht, dass sie die Tourenwagen-Europameisterschaften in den Jahren 1967, 1969-1972, 1978 und 1979 gewinnen konnten. Interessant dabei: die GTA wurden nur bis 1975 gebaut, über die genaue Anzahl wird heftig gestritten, wie so oft bei italienischen Fahrzeugen. Aber man darf davon ausgehen, dass es von der Giulia Sprint GTA 500 Stück gab.

 

Wir fuhren eine dieser Strassenversionen. Und sind immer noch so ein bisschen fassungslos. Welche Leichtigkeit! Welch schlichte, ewige Schönheit des Wagens! So einfach zu bedienen, und nach anfänglichem Respekt, denn so ein echter GTA kostet ja unterdessen auch eine schöne Stange Geld, liessen wir es bald einmal ordentlich fliegen. Ach, er liegt so schön, alles ist präzis und klar und deutlich, Man immer, was er tun will und wird, der Grenzbereich ist erstaunlich hoch für ein Auto aus den 60er Jahren. Und er bremst sogar anständig. Und er macht diese wunderbaren Geräusche, der ganze Wagen lebt, arbeitet, dröhnt, prustet – herrlich.

 

Photos: Archiv www.radical-mag.com/Werk